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Für Sie gelesen – Atropintherapie zur Behandlung der Kurzsichtigkeit

Es berichten Frau Christine Schäfer (Leitung Sehschule Augenzentrum am Annapark) und Prof Dr K. O. Arend (Datum: 6.3.2016).
Artikel aus der Zeitschrift:
Ophthalmology Feb 2016: Chia et al (Five year clinical trial on atropine for the treatment of myopia (Atom 2)- (2016:123:391-399)
Editorial Morgan, I., He, M.: An important step forward in myopia prevention: low dose atopine 232-233

In der im asiatischen Raum durchgeführten Studie wurden die 5 Jahresergebnisse der Behandlung der Kurzsichtigkeit (Myopie) mit dem Medikament Atropin vorgestellt. Bei Atropin handelt es sich um ein Medikament, welches derzeit in der Augenheilkunde der diagnostischen Akkommodationslähmung und Pupillenerweiterung dient.
Das Studiendesign sah von Beginn an eine Behandlung mit 0,5%, 0,1% und 0,01% Atropin-Augentropfen vor. Die Augentropfen wurden 1x täglich abends gegeben. Die Behandlung erfolgte über 2 Jahre, an diese Zeitspanne folgte dann 1 Jahr der sogenannten Auswaschphase, in der Atropin nicht mehr getropft wurde. Zeigte sich nach dieser Zeitspanne wieder eine Zunahme der Kurzsichtigkeit über -0,5 Dioptrien, wurde die Behandlung mit 0,01% Atropin wieder über 2 Jahre aufgenommen.
Über einen Zeitraum von 5 Jahren war eine Behandlung mit der niedrigsten Dosierung, nämlich 0,01% am effektivsten, um das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu reduzieren. Hier zeigten sich auch die geringsten Nebenwirkungen (z. B. Lichtempfindlichkeit).

Ist die Kurzsichtigkeit ein zunehmendes Problem?
Die Kurzsichtigkeit nimmt dramatisch zu! Im getesteten asiatischen Raum haben 80-90% der Abiturienten eine Kurzsichtigkeit (im Gegensatz zu vor 50 Jahren: 10-30%). Dieser Trend ist in allen westlichen Ländern ebenfalls vorhanden.
Die Ursache für diese Zunahme ist noch unklar, jedoch wird vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem vermehrten Arbeiten an PC-Bildschirmen, und Arbeiten in geschlossenen Räumen gibt. Desweiteren ist bei kurzsichtigen Kindern die Förderung von „Outdoor“-Aktivitäten sinnvoll, da sich beobachten ließ, dass Kindern die viel draußen im Freien spielen, von hohen Kurzsichtigkeiten weniger betroffen sind.

Welche Dosis ist die Richtige?
Als wirksamste Dosis zeigte sich in der Studie eine Behandlung mit 0,01% Atropin. Hier lag die Nebenwirkungsquote auch am niedrigsten (z. B. die Notwendigkeit selbsttönender Brillen bei Lichtempfindlichkeit, oder einer zusätzlichen Lesebrille betrug ca. 10%).

Ist die Atropintherapie zur Behandlung der Kurzsichtigkeit zugelassen?
Der Gebrauch von Atropin zur Therapie der Kurzsichtigkeit stellt einen sogenannten „off label use“ dar. Dies bedeutet, dass dieses Medikament nicht für den bisher genutzten Zweck eingesetzt wird, sondern für eine Erkrankung, für welche es bisher nicht vorgesehen war, oder zugelassen ist. Deswegen erfolgt derzeit auch keine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen. 1 Flasche 0,01% Atropin kann für einen Monat genutzt werden, und kostet ca. 13,-Euro pro Flasche.

Wann und wie lange muss behandelt werden?
In der Studie wurden 11-13 jährige Jugendliche über 2 Jahre behandelt. Uns erscheint jedoch auch eine frühere Behandlung bei jüngeren Kindern mit einer hohen Kurzsichtigkeit oder rascher Zunahme derselben sinnvoll. Hier muss der Augenarzt mit Kindern/Eltern jedoch Risiko und Nutzen für den Patienten abwägen, um eine gute Indikation zu stellen. Prinzipiell bietet sich an, nach einer 2 jährigen Behandlung mit Atropin eine Pause vorzunehmen, und entsprechend der Studie bei einem erneuten Fortschreiten der Kurzsichtigkeit über -0,5Dioptrien wieder mit der Therapie zu beginnen.

Gibt es Alternativen zur Atropin-Therapie?
Einzig die Orthokeratologie stünde als Alternative zur Verfügung (die Sicherheitsaspekte bei den jungen Patienten müssen berücksichtigt werden).

Bei aller Euphorie über die Möglichkeit eine Kurzsichtigkeit nun auch medikamentös behandeln zu können, muss nochmals angemerkt werden, dass die Ergebnisse aus der vorliegenden Studie im asiatischen Raum bestätigt wurden. Daher könnte es also sein, dass die Wirkung von Atropin bei Patienten europäischer Herkunft, aufgrund der geringer pigmentierten Iris, nicht so ausgeprägt ist. Hierzu wäre eine Studie im europäischen Raum dringend nötig, bisher liegt leider keine vor. Die Ergebnisse der Studie aus dem asiatischen Raums sind jedoch so vielversprechend, dass es sinnvoll scheint darauf zu reagieren. Wie genau Atropin wirkt bleibt jedoch auch in der Studie unklar, allerdings ließ sich ein positiver Effekt im Vergleich von Kindern mit einer Kurzsichtigkeit ohne Therapie und Kindern mit einer Kurzsichtigkeit und Behandlung mit Atropin deutlich nachweisen. Anzumerken bleibt auch, dass das ständige Tragen der Brille unerlässlich ist.